Vernetzte Lebensräume in Subsahara-Afrika – Leben zwischen Stadt und Land

Hier finden Sie die offizielle Pressemitteilung des SLE zum Forschungsprojekt: "Ländlichen Strukturwandel in Afrika sozial inklusiv und ökologisch nachhaltiger gestalten":

 

Vernetzte Lebensräume in Subsahara-Afrika – Leben zwischen Stadt und Land

Das SLE veröffentlicht Forschungsergebnisse zu Transformationsprozessen und Gestaltungsinstrumenten in Subsahara-Afrika

Im Rahmen der Sonderinitiative „EINEWELT ohne Hunger“ des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) hat das Seminar für Ländliche Entwicklung (SLE) der Humboldt-Universität zu Berlin die Dynamik des ländlichen Strukturwandels in Subsahara-Afrika untersucht und dabei ganz ungewöhnliche Transformationspfade beobachtet. Die Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass die Neuausrichtung der europäischen Afrikapolitik einen Perspektivwechsel benötigt.

„Unter Globalisierungsbedingungen lassen sich die europäischen und ostasiatischen Strukturwandel-Erfahrungen nicht replizieren und auf Afrika übertragen“, unterstreicht Dr. Susanne Neubert, Projektleiterin und Direktorin des SLE, und fasst damit die zentrale Erkenntnis des dreijährigen Forschungsprozesses zusammen. Im Gegensatz zum Europa des 19. und 20. Jahrhunderts, wo Verstädterung und Wachstum auch Folge einer Produktivitätssteigerung der Landwirtschaft waren, sind es in Afrika eher negative Aspekte, wie die Stagnation der kleinbäuerlichen Landwirtschaft sowie die Degradierung der Böden und Weidegründe, die zu Landflucht und einem ausufernden Wachstum der Städte führen. Außerdem bieten afrikanische Städte nur wenige, oftmals prekäre Arbeitsplätze für die rasch wachsende junge Bevölkerung.

Stattdessen ist die multilokale Lebensführung das wesentliche Element afrikanischer Strukturwandelprozesse. Gemeint sind damit die engen Verflechtungen und wechselseitigen Austauschbeziehungen zwischen Land- und Stadtbevölkerung. Neben den Rücküberweisungen in die Heimatregion sind es auch die „neuen Stadtbewohner“, die von ihren daheimgebliebenen Familienmitgliedern profitieren – beispielsweise durch die Erziehung von Kindern oder die Versorgung von Kranken. Die oftmals temporäre und zirkuläre Migration sowie die daraus resultierenden raumüberspannenden Netzwerke werden somit zu einer bedeutenden Anpassungsstrategie der alltäglichen Existenzsicherung. Gerade weil die Wanderungsbewegungen in Zukunft nicht nachlassen, muss die unkontrollierte Verstädterung in Afrika indirekt verlangsamt werden. Ziel ist dabei die Schaffung von nachhaltigen Perspektiven in den ländlichen Regionen, die ein gutes Leben auch dort ermöglichen.

Im Rahmen von Zukunftsszenarien hat die SLE-Forschergruppe mit der Unterstützung von Experten aus Benin, Sambia und Äthiopien praktische und strategische Entwicklungsansätze abgeleitet, um den Strukturwandel gestalten zu können. Die ökologische Intensivierung der Landwirtschaft, inklusive der Mechanisierung, ist dabei ein zentrales Anliegen. Die Verbesserung der Flächen- und Arbeitsproduktivität muss gekoppelt sein an ein effizientes und schonendes Management der Ressourcen, die ansonsten in einer dramatischen Geschwindigkeit vernichtet werden.

Generationenwechsel in der Landwirtschaft führen oft zu Betriebsaufgaben aufgrund unzureichenden Einkommens. Für diese Betriebe bedarf es einer diversifizierten Wirtschaftsstruktur. Dies sollte zunächst entlang der landwirtschaftlichen Wertschöpfungsketten, wie z. B. der Verarbeitung und Vermarktung von Nahrungsmitteln oder der Verbesserung von Infrastrukturen, geschehen. Darüber hinaus ist die Schaffung möglichst vieler, gesicherter Arbeitsplätze in anderen Sektoren notwendig. Dazu müssten sich diese Sub-Sektoren im Spannungsfeld zwischen hoher Arbeitsintensität und ausreichender Arbeitsproduktivität gestalten lassen. Verheißungsvoll ist neben der Bauwirtschaft eine auf lokale Rohstoffe angewiesene verarbeitende Leichtindustrie. Zum einen gehen von diesen Bereichen Multiplikationsffekte aus, zum anderen sind dort Jobchancen für die ungelernte und niedrig qualifizierte Landbevölkerung am ehesten zu erwarten. Um mehr Menschen in Jobs zu bringen, müssen der Berufsausbildung sowie der landwirtschaftlichen Beratung, insbesondere junger Menschen auf dem Land, höchste Priorität zukommen. Ansonsten wird sich die ebenfalls wachsende städtische Bevölkerung im Wettbewerb um Arbeitsplätze immer durchsetzen.

Zusätzlich erschwerend für die Schaffung von dringend benötigten Arbeitsplätzen ist die zunehmende Automatisierung, da diese die Arbeitsintensität sämtlicher Industrien bereits heute schmälert. Dennoch muss eine Industrialisierung Automatisierungsprozesse integrieren, da ansonsten der Anschluss Afrikas an globale Wirtschaftsprozesse nicht gelingt.

Es stellt sich insgesamt die Frage, welche Unterstützung die Entwicklungszusammenarbeit bei der Gestaltung der ländlichen Transformationsprozesse in Subsahara-Afrika leisten kann. Die Neuausrichtung der institutionellen Partnerschaft zwischen Afrika und Europa mit dem Marshallplan als zentrale Agenda, bietet für eine solche Diskussion das passende Format. Für Dr. Neubert ist die Berücksichtigung der gesamtwirtschaftlichen und -gesellschaftlichen Transformationsprozesse in der Debatte ein bedeutendes Anliegen: „Im Angesicht von Globalisierung, Klimawandel und Ressourcenverknappung werden wir nicht umhin kommen, die afrikanischen Staaten bei ihren Entwicklungsprozessen zu unterstützen. Graduelle Maßnahmen durch die Entwicklungszusammenarbeit werden die bisherigen Dynamiken mit ihren durchweg negativen Konsequenzen nicht grundlegend verändern. Viel mehr sind gemeinsame Anstrengungen von nationalen Regierungen und der internationalen Gemeinschaft notwendig!“

Die vollständige Liste der Projektpublikationen, inklusive des Konzeptpapers, den Länderstudien und dem Endbericht, ist auf der Webseite des SLE verfügbar – alle Broschüren können dort kostenfrei heruntergeladen werden: http://www.sle-berlin.de/index.php/forschung/strukturwandel.

 

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